Veranstaltungsreihe Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus

Hiermit laden wir Sie/Euch herzlich zur ersten Veranstaltung der Veranstaltungsreihe „Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus – Kontinuitäten, Zäsuren, Konflikte“. Am 04.11.2014 wird um 18 Uhr im ZHG 002 Prof. Dr. Wolfgang Keim über Erziehungswissenschaften im Nationalsozialismus sprechen. Weitere Informationen befinden sich in dieser Mail, ebenso wie ein Ankündigungstext für die Veranstaltungsreihe, sowie die Ankündigungen der nächsten Veranstaltungen.
Über zahlreiches Erscheinen würden wir uns freuen.
Mit herzlichen Grüßen
eure Basisgruppe Sozialwissenschaften

Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus WiSe 2014/2015 Plakat

Prof. Dr. Wolfgang Keim: Dienstag 04.11.2014 18 Uhr ZHG 002

„Erziehungswissenschaft und Nationalsozialismus – Zur belasteten und verdrängten Tradition einer Disziplin“

Unter dem Titel „Das falsche Vorbild“ veröffentlichte die taz im Vorfeld des diesjährigen Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft einen Kommentar anlässlich der Benennung eines Forschungspreises nach dem renommierten Göttinger Erziehungswissenschaftler Heinrich Roth, der aufgrund seiner NS-Vergangenheit als Namengeber für nicht geeignet bezeichnet wurde. Ungeachtet der Tatsache, dass die „Gesellschaft“ rasch einen anderen Namengeber für ihren Preis fand, zeigt dieses Beispiel, wie auch fast 70 (!) Jahre nach der Zerschlagung des NS-Regimes in der Erziehungswissenschaft wie in anderen Wissenschaftsdisziplinen das Erbe der NS-Belastungen nachwirkt. Worin liegen diese Belastungen? Inwiefern war die Erziehungswissenschaft Teil des NS-Systems, trug somit Mitverantwortung für dessen Verbrechen, wo sind die Ursachen dafür zu suchen? Gab es umgekehrt eine nicht- belastete Erziehungswissenschaft unter der Nazi-Diktatur? Nicht zuletzt: Was heißt „Verdrängung“ der NS-Vergangenheit, bezogen auf die Erziehungswissenschaft, und welche Bedeutung könnte die Thematik für die heutige jüngere Generation haben? Diesen Fragen will der Vortrag des Paderborner Hochschullehrers nachgehen
Prof. Keim ist Autor einer zweibändigen Darstellung zur „Erziehung unter der Nazi-Diktatur“ (1995/97) und war in den 1980er und 1990er Jahren maßgeblich beteiligt am Streit der Erziehungswissenschaft um die Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit.

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„Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus – Kontinuitäten, Zäsuren, Konflikte“

Die Frage, warum „die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“ ist bis heute aktuell.
Horkheimer und Adorno widmeten sich ihr in der „Dialektik der Aufklärung“ (1944) und auch in aktuellen Debatten der Sozialwissenschaften ist diese Frage virulent. Genauer gesagt, geht es in den Debatten auch darum, ob die Frage überhaupt zum Forschungsgegenstand der eigenen Disziplin gehören soll oder nicht.
Darüber hinaus geht es um den „richtigen“ Umgang der eigenen Disziplin mit dem Nationalsozialismus, um personelle und theoretische Kontinuitäten, um die Namengeberschaft für Wissenschaftspreise, um Theodor Eschenburg, Heinrich Roth und Alfred Weber.

In dieser Veranstaltungsreihe soll sich mit der Rolle einzelner sozialwissenschaftlicher Disziplinen im Nationalsozialismus, sowie der Geschichte ihrer (Nicht-) Aufarbeitung auseinandergesetzt werden.
Fragen wie:
- Welche Rolle spielt der Nationalsozialismus in den heutigen Sozialwissenschaften?
- Wo gibt es Kontinuitäten und warum und (wie) werden sie zur Diskussion gestellt?
- Wie ist verantwortungsvoll mit der Geschichte der eigenen Disziplin umzugehen?
- Und nicht zuletzt: Was kann eine sozialwissenschaftliche Analyse des Nationalsozialismus zur Erforschung der Mechanismen, die den Holocaust möglich gemacht haben, beitragen?
sollen thematisiert werden.

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Das restliche Programm:

Prof. Dr. Rainer Eisfeld: Montag 08.12.2014 18 Uhr ZHG 002

„Politikwissenschaft und Nationalsozialismus: Ergebnisse, Maßstäbe, Probleme der Disziplingeschichte, besonders am aktuellen Beispiel der Eschenburg-Debatte“

Der „Gründungsmythos“ (Hubertus Buchstein) der westdeutschen Politologie lautete: Die Deutsche Hochschule für Politik in Berlin, Vorläuferin des heutigen Otto Suhr-Instituts der Freien Universität, war und blieb seit ihrer Errichtung 1920 ein republikanisch-demokratisches Unternehmen. Sie verweigerte sich dem NS-Regime, löste sich 1933 auf, zahlreiche Fachvertreter gingen ins Exil. Als sie nach 1949 zurückkehrten, begründeten sie mit anderen unbelasteten Wissenschaftlern, unterstützt von westlichen Alliierten und deutschen Politikern, jene Disziplin, die als einzige von Anfang auf die wissenschaftliche Fundierung eines demokratischen Neuanfangs in Deutschland zielte. Aus mehreren Gründen war dies ein attraktives Konzept. Dass in der Disziplin nach 1945, anders als im Hochschulbereich insgesamt, der personelle Bruch gegenüber der Kontinuität überwog, bleibt richtig. Dass es zu einer adäquaten Einschätzung dennoch differenzierterer Sichtweisen als bisher bedarf, die im Fach teilweise auf Widerstand stoßen, belegen die Fälle Arnold Bergstraesser, Michael Freund und aktuell besonders Theodor Eschenburg.

Dr. Michaela Christ: Freitag 16.01.2015 18 Uhr ZHG 002

„Soziologie und Nationalsozialismus – Ein schwieriges Verhältnis“

Die Auseinandersetzung von deutschsprachigen Soziologinnen und Soziologen mit dem ‚Dritten Reich‘ begann schon Mitte der 1930er Jahre, sie dauert bis heute an. Gleichwohl und trotz der Bedeutung, die der Nationalsozialismus für alle gesellschaftlichen Bereiche der Bundesrepublik hatte (und zum Teil noch immer hat), ist der NS in der ‚Wissenschaft von der Gesellschaft‘ ein randständiges Thema geblieben.
Was sind die Ursachen für dieses Nischendasein? Welche Rolle spielen inhaltliche und personelle Kontinuitäten? Inwiefern lenk(t)en bestimmte Paradigmen, Methoden und Forschungsprogramme den Blick weg von Gewalt, Massenverbrechen und autoritärem Regime? Und schließlich: Was wäre gewonnen, wenn sich die Soziologie intensiver mit Holocaust und NS beschäftigte?

Prof. Dr. Alfons Söllner: Montag 26.01.2015 18 Uhr ZHG 003

„Die Faschismusanalysen der frühen Frankfurter Schule in Verhältnis zur sog. Totalitarismustheorie“

Die frühe Frankfurter Schule hat auf der Basis einer revidierten marxistischen Gesellschaftslehre drei markante Ansätze der Faschismusanalyse entwickelt: die Ideologiekritik des bürgerlichen Menschen; die Zerstörung der Rechtsrationalität im Nationalsozialismus; und die Sozialpsychologie des autoritären Charakters. Die dazugehörigen Theorien erhalten schärfere Konturen, wenn man sie vergleicht mit der sog. Totalitarismustheorie, die sich auf die Herrschaftsmethoden der modernen Diktaturen konzentriert hat.