Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus: Dienstag 23.06.2015 18.15 Uhr ZHG 002: Hansjörg Gutberger: „Sozialforschung und Raumordnungspolitik im NS-Staat“

Aus der Veranstaltungsreihe „Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus“ Der Basisgruppe Sozialwissenschaften in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen e.V.

Hansjörg Gutberger
Dienstag 23.06.2015 | 18.15 Uhr | ZHG 002

Sozialforschung und Raumordnungspolitik im NS-Staat

Räumliche Entwicklungen können soziale Ungleichheiten und soziale (Des-) Integrationsprozesse mit (re-)produzieren. Raumbezogene Unterscheidungen, etwa zwischen Zentrum und Peripherie, werden darum in den Sozialwissenschaften wieder mehr beachtet. In der Fokussierung auf das Räumliche liegen aber auch Gefahren. Die Überbetonung allein der Raumdimension führte in der Vergangenheit meist direkt zu Ideologien agrarischer, ökologischer oder auch völkischer Art.

Es gibt aber auch verschiedene Sachdimensionen des Räumlichen. So können etwa sehr einseitig verlaufende räumliche Entwicklungen langfristig wirkende gesellschaftliche Folgen nach sich ziehen: Wo als ‚integratives‘ Angebot ein Einkaufscenter, ein Fußballstadion oder ein Golfplatz steht, erübrigen sich andere mögliche Formen des gesellschaftlichen Miteinanders.
Auch die einmal gewachsenen Siedlungsstrukturen lassen sich so schnell nicht wieder auflösen. Wachsende sozialräumliche Segregationen sind der Preis des heutigen Turbo-Kapitalismus.

Was haben aber diese Facetten des Räumlichen mit einer Soziologie zu tun, die vor 80 Jahren betrieben wurde? Und das in einem nationalsozialistischen Regime, das jedenfalls vorgab ganz anders als alle anderen gesellschaftlichen Systeme zu sein?

Nun, die jetzt neuerlich ins Blickfeld geratene empirische Sozialwissenschaft der NS-Jahre war nicht zuletzt Forschung für Raumordnungspolitik. Diese Sozialforschung wurde nicht nur außeruniversitär sondern auch an den Hochschulen betrieben. Häufig in einem eigens installierten und institutionalisierten Bereich („Hochschularbeitsgemeinschaften“) . Sie wurde finanziert von NS-Behörden wie der Reichsstelle für Raumordnung oder dem Reichsnährstand.
Der NS-Staat forderte etwas von seinen Wissenschaftlern: ihre Mitwirkung an Forschungen, die der ‚Volksgemeinschaft‘ zugute kommen sollten. Vor 20 Jahren habe ich dies als Verklammerung von Wissenschaft und politisch-administrativer Praxis zu beschreiben versucht; heute spricht man in der Wissenschaftsforschung von der „rekursiven Kopplung von Wissenschaft und Politik“ (P. Weingart) und von dem Wechselverhältnis von Wissenschaft und Politik als „Ressourcen füreinander“ (M. Ash).

Die Raumforschung/-ordnung war ein solcher Bereich. Er existierte auch nach 1945.
Wenn von empirischer Soziologie im NS-Staat die Rede ist, dann ist damit meist soziologische Forschung in der Raumforschung gemeint. Diese Soziologie stand (wie auch die Forschung anderer Wissenschaftsdisziplinen) in einem relativ engen Wechselverhältnis zur Raumordnungspolitik des NS-Staates, sie bediente sich aber durchaus jener Form von Expertise, die an fachliche Standards anknüpfte. Nützliche Expertise und verwert­bare Ergebnisse standen auch nicht immer in Einklang mit ‚politisch korrekten‘ Normen der NSDAP. Durch die Trennung war beiden Seiten, der Politik wie der Wissenschaft, besser gedient.
Raumordnungspolitik hatte im ‚Dritten Reich‘ sehr unterschiedliche Implikationen, darunter expansionistische, rassistische, völkische und gewaltförmige Seiten. Raumordnung betraf aber auch Fragen der ländlichen Modernisierung, der Verkehrsinfrastrukturplanung, des Wasserbaus, der Forstpolitik, der Verteilung verfügbarer Flächen für unterschiedliche Herrschaftsträger (und damit für unterschiedliche Zwecke der ‚System­integration‘), sie betraf auch Aspekte der konkreten Gestaltung der ‚Volksgemeinschaft‘ in der Region, der Ungleichheit und des Ausschlusses gesellschaftlich nicht wohl gelittener Personengruppen u.a.m.