Archiv für November 2016

Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus: Prof. Dr. Rolf Pohl über „Ganz normale Massenmörder? Zur Sozialpsychologie der NS-TäterInnenschaft“ | Dienstag 17.01.2017 | 18 Uhr c.t. | ZHG 006

Vortrag: Prof. Dr. Rolf Pohl über „Ganz normale Massenmörder? Zur Sozialpsychologie der NS-TäterInnenschaft“ | Dienstag 17.01.2017 | 18 Uhr c.t. | ZHG 006

Ganz normale Massenmörder? Zur Sozialpsychologie der NS-TäterInnenschaft

Ausgehend von der Frage, ob „etwa schlechthin alles, auch der Tod, auch der Terror, auch das Grauen, auch der Genozid dadurch `normalisiert` erscheinen [kann], dass es (…) `normal` funktioniert“ (Jürgen Link), soll der u.a. von Hannah Arendt hervorgehobenen Kluft zwischen der Monströsität der Taten und der „Banalität“ der nationalsozialistischen Täter nachgegangen werden. Das Hauptdefizit der aktuellen NS-Täterforschung besteht in dem weitgehenden Fehlen einer Reflexion der Begriffe „Normalität“ und „Pathologie“. Diese Kritik richtet sich aber nicht nur gegen eine inflationäre Verwendung des Normalitäts-Begriffs, sondern auch gegen die Gefahr eines ungeprüften Festhaltens an Begriffen der Psychopathologie. Mit beiden Zugängen lassen sich aus sozialpsychologischer Sicht die komplexen „Produktionsregeln“ (Peter Brückner) und damit die Logik des NS-Genozids an den Juden (und anderen „Fremvölkischen“) nicht erfassen.

Rolf Pohl ist seit 2001 Professor für Soziologie und Sozialpsychologie an der Universität Hannover. Seine Themenschwerpunkte in Lehre, Forschung und Publikationen sind Männlichkeits- und Geschlechterforschung, Jugendforschung und politische Psychologie. Er arbeitete über psychoanalytische und sozialpsychologische Fragen zu NS-Tätern und ihren Verbrechen.

In Kooperation mit dem Fachschaftsrat Sozialwissenschaften (FSR SoWi).

Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus: Prof. Dr. Astrid Messerschmidt über „Antisemitismuskritik heute und der Umgang mit dem Nationalsozialismus in der Bildungsarbeit“ | Dienstag 24.01.2017 | 18 Uhr c.t. | ZHG 006

Vortrag: Prof. Dr. Astrid Messerschmidt über „Antisemitismuskritik heute und der Umgang mit dem Nationalsozialismus in der Bildungsarbeit“ | Dienstag 24.01.2017 | 18 Uhr c.t. | ZHG 006

Antisemitismuskritik heute und der Umgang mit dem Nationalsozialismus in der Bildungsarbeit

Vorwiegend wird Antisemitismus in der deutschen Öffentlichkeit als Problem der Vergangenheit betrachtet und mit der systematischen Judenverfolgung gleichgesetzt. Die ideologische Grundstruktur antisemitischer Denkweisen ist dagegen in der Breite der institutionalisierten Bildung kaum vermittelt worden, weshalb auch bei Lehrkräften auffällig wenige Kenntnisse darüber vorhanden sind, was die Verunsicherung gegenüber der Thematik verstärkt. Neuere Ansätze antisemitismuskritischer Bildung gehen auf das Machtparadigma ein, das eine überlegene und einflussreiche Gegenfigur imaginiert, der ein unschuldiges Selbstbild gegenübersteht. Dieses Selbstbild findet sich bis heute in den Thematisierungsformen der NS-Verbrechen. Es zeichnet sich dadurch aus, dass der Nationalsozialismus als ganz und gar überwunden und als Kontrastfolie der heutigen Verhältnisse aufgefasst wird. Diskontinuitäten und Nachwirkungen bleiben ausgeblendet. Der Vortrag skizziert Zugänge zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die Verbindungen und Verwandtschaften zu den Denkmustern der reinen nationalen Gemeinschaft reflektieren, ohne von einer ungebrochenen Kontinuität auszugehen.

Astrid Messerschmidt, (geb. 1965) Dr. phil. habil., Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Geschlecht und Diversität an der Bergischen Universität Wuppertal,
Lehr- und Forschungsschwerpunkte: Migrationsgesellschaftliche Bildung, Diversität und Diskriminierung, Geschlechtertheorien und geschlechterreflektierende Bildung; Antisemitismus und Rassismus in den Nachwirkungen des Nationalsozialismus.

In Kooperation mit dem Fachschaftsrat Sozialwissenschaften (FSR SoWi).

Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus: Prof. Dr. Alfons Söllner über „Brauchen wir eine Neuauflage von Franz Neumanns „Behemoth“?“ | Dienstag 10.01.2017 | 18 Uhr c.t. | ZHG 009

Vortrag: Prof. Dr. Alfons Söllner über „Brauchen wir eine Neuauflage von Franz Neumanns „Behemoth“?“ | Dienstag 10.01.2017 | 18 Uhr c.t. | ZHG 009

Brauchen wir eine Neuauflage von Franz Neumanns „Behemoth“? – Kritische Theorie und Nationalsozialismusforschung

Franz Neumanns „Behemoth“ aus dem Jahr 1942 war die erste Gesamtsdarstellung des Nationalsozialismus, die Kultur, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen umfasste. Sie basierte auf empirischem Material und verdichtete dieses nicht nur zu wuchtigen politischen Thesen, sondern stellte auch weitreichende theoretische Überlegungen an. Dazu gehört z.B. These vom deutschen Staat als „none-state“, der alle traditionellen Rechtsschranken hinter sich gelassen hat und die Bevölkerung durch Ideologie und Terror beherrscht, oder die Annahme einer polykratischen Struktur, innerhalb derer vier Eliten (Partei, Staatsverwaltung, Industrie und Militär) sich gegenseitig bekämpfen.

Im Amerika der 1940er Jahre hoch geschätzt und zeitweilig als Handlungsanleitung für die Besatzungspolitik benützt, wurde das voluminöse Buch spät, erst 1977 ins Deutsche übersetzt und ist heute schon wieder vergriffen. Darf dieser Klassiker der NS-Forschung, der gleichzeitig ein hochsignifikantes Monument der Wissenschaftsemigration ist, vergessen werden? Muss er nicht neu aufgelegt werden? Der Vortrag diskutiert diese Frage sowohl unter theoriegeschichtlichen wie unter wissenschaftspolitischen Gesichtspunkten.

Alfons Söllner ist emeritierter Professor für politische Theorie und Ideengeschichte, er lehrte von 1994 bis 2012 an der Technischen Universität Chemnitz.
Geb. 1947 in Bayern, Studium in Regensburg, München und Harvard, 1977 Promotion an der LMU München, 1986 Habilitation an der FU Berlin, 1990/1 Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, 1994-97 Prorektor der TU Chemnitz.
Forschungsschwerpunkte: Wirkungsgeschichte der Hitler-Flüchtlinge; Geschichte der Politikwissenschaft; Politische Theorien im 20. Jahrhundert; Politische Ästhetik; Flüchtlingspolitik.
Bücher u.a.: Peter Weiss und die Deutschen, 1988; Deutsche Politikwissenschaftler in der Emigration, 1996; Fluchtpunkte. Studien zur politischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts, 2006; Deutsche Frankreich-Bücher aus der Zwischenkriegszeit, 2012

In Kooperation mit dem Fachschaftsrat Sozialwissenschaften (FSR SoWi).

Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus: Prof. Dr. Uta Gerhardt über „Zur Handlungslogik der „Stunde Null““ | Dienstag 13.12.2016 | 18 Uhr c.t. | Theologicum T01

Vortrag: Prof. Dr. Uta Gerhardt über „Zur Handlungslogik der „Stunde Null““ | Dienstag 13.12.2016 | 18 Uhr c.t. | Theologicum T01

Zur Handlungslogik der „Stunde Null“

Der Vortrag behandelt die soziologische und die gesellschaftliche Problemstellung der Transformation nach der NS-Diktatur.

Wie konnte aus dem nationalsozialistischen Deutschland eine demokratische Gesellschaft werden? Die Transformation war Gegenstand der Monographie „Soziologie der Stunde Null“, auf der dieser Vortrag aufbaut. Gerhardt befasst sich (begrifflich aus der Perspektive Max Webers und Talcott Parsons‘) mit der Handlungslogik der (amerikanischen) Besatzungsherrschaft, die sich das Ziel setzte, aus der verbrecherischen Diktatur eine moderne Industriegesellschaft und aus den Deutschen eine Nation friedlicher Bürger zu machen.

Der Vortrag teilt sich in zwei Teile: Im ersten Teil werden die allgemeinen Grundlinien der Transformation nach der NS-Diktatur aufgezeigt. Dabei wird die Fragestellung unter Rückgriff auf Max Webers Theorie der legitimen Herrschaft präzisiert. Darauf aufbauend wird der Wandel nach der NS-Diktatur als Phase der Liminalität nach Victor Turner dargestellt. Im zweiten Teil werden diese theoretischen Einblicke auf die Entwicklung der deutschen Justiz angewandt. Besonders die zweigliedrige Struktur der Justiz nach der NS-Diktatur, bei der amerikanische und deutsche Gerichte nebeneinander bestanden, wird in den Fokus gerückt werden.

Prof. Dr. Uta Gerhardt ist emeritierte Professorin an der Universität Heidelberg. Ihr umfangreiches Werk beinhaltet Studien zur soziologischen Theorie (besonders Rollentheorie, Idealtypen, Parsons), zur Medizinsoziologie und in den letzten Jahren zur Geschichte der amerikanischen Besatzungszone. Sie lehrte an verschiedenen Universitäten in den USA und Deutschland.

In Kooperation mit dem Fachschaftsrat Sozialwissenschaften (FSR SoWi).