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Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus: Berichte zu den Veranstaltungen des Wintersemesters 2016/2017 erschienen

Unsere Berichte zu den Veranstaltungen im Wintersemester 2016/2017 könnt Ihr ab jetzt hier abrufen. Zu der Veranstaltung mit Astrid Messerschmidt findet Ihr zusätzliche Informationen in diesem Beitrag.

  • Der Bericht zu dem Vortag von Prof. Dr. Uta Gerhardt: „Zur Handlungslogik der „Stunde Null““ am 13.12.2016 um 18 Uhr c.t. Theologicum T01.
  • Der Bericht zu dem Vortrag von Prof. Dr. Alfons Söllner: „Brauchen wir eine Neuauflage von Franz Neumanns „Behemoth“?“ am 10.01.2017 um 18 Uhr c.t. ZHG 009.
  • Der Bericht zu dem Vortrag von Prof. Dr. Rolf Pohl: „Ganz normale Massenmörder? Zur Sozialpsychologie der NS-TäterInnenschaft“ am 17.01.2017 um 18 Uhr c.t. ZHG 006.
  • Ergänzende Informationen: Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus: Prof. Dr. Astrid Messerschmidt über „Antisemitismuskritik heute und der Umgang mit dem Nationalsozialismus in der Bildungsarbeit“ | Dienstag 24.01.2017 | 18 Uhr c.t. | ZHG 006

    Am 24.01.2017 hat Prof. Dr. Messerschmidt in ihrem Vortag „Antisemitismuskritik heute und der Umgang mit dem Nationalsozialismus“ beleuchtet, wie Bildungsarbeit mit dem Nationalsozialismus umgehen sollte. Dazu hat sie zunächst Antisemitismus als analytischen Begriff vorgestellt, um dies schließlich an seiner aktuellsten Ausformung dem Feindbild Israel als Projektionsfläche zu vertiefen. Im nächsten Schritt zeigte sie, wie rassismuskritische und antisemitismuskritische Bildungsarbeit aussehen kann, um schließlich diese in den Kontext der Nachwirkungen des Nationalsozialismus zu stellen. Schließlich hat sie gefragt, wie Erinnerungspraktiken und zeitgeschichtliche Bildung in diesem Zusammenhang aussehen und aussehen könnten. Den Abschluss bildete eine Anwendung der Erkenntnisse auf die Frage, wie dem gegenwärtigen Rechtspopulismus begegnet werden kann.
    Wer nicht da war, oder das Wissen vertiefen möchte, kann dies hier tun:
    Astrid Messerschmidt (07.07.2014): Bildungsarbeit in der Auseinandersetzung mit gegenwärtigem Antisemitismus:
    http://www.bpb.de/apuz/187421/bildungsarbeit-in-der-auseinandersetzung-mit-gegenwaertigem-antisemitismus?p=all
    Astrid Messerschmidt (14.01.2016): Geschichtsbewusstsein ohne Identitätsbesetzungen – kritische Gedenkstättenpädagogik in der Migrationsgesellschaft: https://www.bpb.de/apuz/218720/kritische-gedenkstaettenpaedagogik-in-der-migrationsgesellschaft?p=all
    Astrid Messerschmidt: Vortrag: Politische Bildung im Kontext von Alltagsrassismus und Rechtspopulismus: https://www.youtube.com/watch?v=51wlVJFDfEw

    Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus: Prof. Dr. Rolf Pohl über „Ganz normale Massenmörder? Zur Sozialpsychologie der NS-TäterInnenschaft“ | Dienstag 17.01.2017 | 18 Uhr c.t. | ZHG 006

    Vortrag: Prof. Dr. Rolf Pohl über „Ganz normale Massenmörder? Zur Sozialpsychologie der NS-TäterInnenschaft“ | Dienstag 17.01.2017 | 18 Uhr c.t. | ZHG 006

    Ganz normale Massenmörder? Zur Sozialpsychologie der NS-TäterInnenschaft

    Ausgehend von der Frage, ob „etwa schlechthin alles, auch der Tod, auch der Terror, auch das Grauen, auch der Genozid dadurch `normalisiert` erscheinen [kann], dass es (…) `normal` funktioniert“ (Jürgen Link), soll der u.a. von Hannah Arendt hervorgehobenen Kluft zwischen der Monströsität der Taten und der „Banalität“ der nationalsozialistischen Täter nachgegangen werden. Das Hauptdefizit der aktuellen NS-Täterforschung besteht in dem weitgehenden Fehlen einer Reflexion der Begriffe „Normalität“ und „Pathologie“. Diese Kritik richtet sich aber nicht nur gegen eine inflationäre Verwendung des Normalitäts-Begriffs, sondern auch gegen die Gefahr eines ungeprüften Festhaltens an Begriffen der Psychopathologie. Mit beiden Zugängen lassen sich aus sozialpsychologischer Sicht die komplexen „Produktionsregeln“ (Peter Brückner) und damit die Logik des NS-Genozids an den Juden (und anderen „Fremvölkischen“) nicht erfassen.

    Rolf Pohl ist seit 2001 Professor für Soziologie und Sozialpsychologie an der Universität Hannover. Seine Themenschwerpunkte in Lehre, Forschung und Publikationen sind Männlichkeits- und Geschlechterforschung, Jugendforschung und politische Psychologie. Er arbeitete über psychoanalytische und sozialpsychologische Fragen zu NS-Tätern und ihren Verbrechen.

    In Kooperation mit dem Fachschaftsrat Sozialwissenschaften (FSR SoWi).

    Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus: Prof. Dr. Astrid Messerschmidt über „Antisemitismuskritik heute und der Umgang mit dem Nationalsozialismus in der Bildungsarbeit“ | Dienstag 24.01.2017 | 18 Uhr c.t. | ZHG 006

    Vortrag: Prof. Dr. Astrid Messerschmidt über „Antisemitismuskritik heute und der Umgang mit dem Nationalsozialismus in der Bildungsarbeit“ | Dienstag 24.01.2017 | 18 Uhr c.t. | ZHG 006

    Antisemitismuskritik heute und der Umgang mit dem Nationalsozialismus in der Bildungsarbeit

    Vorwiegend wird Antisemitismus in der deutschen Öffentlichkeit als Problem der Vergangenheit betrachtet und mit der systematischen Judenverfolgung gleichgesetzt. Die ideologische Grundstruktur antisemitischer Denkweisen ist dagegen in der Breite der institutionalisierten Bildung kaum vermittelt worden, weshalb auch bei Lehrkräften auffällig wenige Kenntnisse darüber vorhanden sind, was die Verunsicherung gegenüber der Thematik verstärkt. Neuere Ansätze antisemitismuskritischer Bildung gehen auf das Machtparadigma ein, das eine überlegene und einflussreiche Gegenfigur imaginiert, der ein unschuldiges Selbstbild gegenübersteht. Dieses Selbstbild findet sich bis heute in den Thematisierungsformen der NS-Verbrechen. Es zeichnet sich dadurch aus, dass der Nationalsozialismus als ganz und gar überwunden und als Kontrastfolie der heutigen Verhältnisse aufgefasst wird. Diskontinuitäten und Nachwirkungen bleiben ausgeblendet. Der Vortrag skizziert Zugänge zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die Verbindungen und Verwandtschaften zu den Denkmustern der reinen nationalen Gemeinschaft reflektieren, ohne von einer ungebrochenen Kontinuität auszugehen.

    Astrid Messerschmidt, (geb. 1965) Dr. phil. habil., Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Geschlecht und Diversität an der Bergischen Universität Wuppertal,
    Lehr- und Forschungsschwerpunkte: Migrationsgesellschaftliche Bildung, Diversität und Diskriminierung, Geschlechtertheorien und geschlechterreflektierende Bildung; Antisemitismus und Rassismus in den Nachwirkungen des Nationalsozialismus.

    In Kooperation mit dem Fachschaftsrat Sozialwissenschaften (FSR SoWi).

    Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus: Prof. Dr. Alfons Söllner über „Brauchen wir eine Neuauflage von Franz Neumanns „Behemoth“?“ | Dienstag 10.01.2017 | 18 Uhr c.t. | ZHG 009

    Vortrag: Prof. Dr. Alfons Söllner über „Brauchen wir eine Neuauflage von Franz Neumanns „Behemoth“?“ | Dienstag 10.01.2017 | 18 Uhr c.t. | ZHG 009

    Brauchen wir eine Neuauflage von Franz Neumanns „Behemoth“? – Kritische Theorie und Nationalsozialismusforschung

    Franz Neumanns „Behemoth“ aus dem Jahr 1942 war die erste Gesamtsdarstellung des Nationalsozialismus, die Kultur, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen umfasste. Sie basierte auf empirischem Material und verdichtete dieses nicht nur zu wuchtigen politischen Thesen, sondern stellte auch weitreichende theoretische Überlegungen an. Dazu gehört z.B. These vom deutschen Staat als „none-state“, der alle traditionellen Rechtsschranken hinter sich gelassen hat und die Bevölkerung durch Ideologie und Terror beherrscht, oder die Annahme einer polykratischen Struktur, innerhalb derer vier Eliten (Partei, Staatsverwaltung, Industrie und Militär) sich gegenseitig bekämpfen.

    Im Amerika der 1940er Jahre hoch geschätzt und zeitweilig als Handlungsanleitung für die Besatzungspolitik benützt, wurde das voluminöse Buch spät, erst 1977 ins Deutsche übersetzt und ist heute schon wieder vergriffen. Darf dieser Klassiker der NS-Forschung, der gleichzeitig ein hochsignifikantes Monument der Wissenschaftsemigration ist, vergessen werden? Muss er nicht neu aufgelegt werden? Der Vortrag diskutiert diese Frage sowohl unter theoriegeschichtlichen wie unter wissenschaftspolitischen Gesichtspunkten.

    Alfons Söllner ist emeritierter Professor für politische Theorie und Ideengeschichte, er lehrte von 1994 bis 2012 an der Technischen Universität Chemnitz.
    Geb. 1947 in Bayern, Studium in Regensburg, München und Harvard, 1977 Promotion an der LMU München, 1986 Habilitation an der FU Berlin, 1990/1 Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, 1994-97 Prorektor der TU Chemnitz.
    Forschungsschwerpunkte: Wirkungsgeschichte der Hitler-Flüchtlinge; Geschichte der Politikwissenschaft; Politische Theorien im 20. Jahrhundert; Politische Ästhetik; Flüchtlingspolitik.
    Bücher u.a.: Peter Weiss und die Deutschen, 1988; Deutsche Politikwissenschaftler in der Emigration, 1996; Fluchtpunkte. Studien zur politischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts, 2006; Deutsche Frankreich-Bücher aus der Zwischenkriegszeit, 2012

    In Kooperation mit dem Fachschaftsrat Sozialwissenschaften (FSR SoWi).

    Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus: Prof. Dr. Uta Gerhardt über „Zur Handlungslogik der „Stunde Null““ | Dienstag 13.12.2016 | 18 Uhr c.t. | Theologicum T01

    Vortrag: Prof. Dr. Uta Gerhardt über „Zur Handlungslogik der „Stunde Null““ | Dienstag 13.12.2016 | 18 Uhr c.t. | Theologicum T01

    Zur Handlungslogik der „Stunde Null“

    Der Vortrag behandelt die soziologische und die gesellschaftliche Problemstellung der Transformation nach der NS-Diktatur.

    Wie konnte aus dem nationalsozialistischen Deutschland eine demokratische Gesellschaft werden? Die Transformation war Gegenstand der Monographie „Soziologie der Stunde Null“, auf der dieser Vortrag aufbaut. Gerhardt befasst sich (begrifflich aus der Perspektive Max Webers und Talcott Parsons‘) mit der Handlungslogik der (amerikanischen) Besatzungsherrschaft, die sich das Ziel setzte, aus der verbrecherischen Diktatur eine moderne Industriegesellschaft und aus den Deutschen eine Nation friedlicher Bürger zu machen.

    Der Vortrag teilt sich in zwei Teile: Im ersten Teil werden die allgemeinen Grundlinien der Transformation nach der NS-Diktatur aufgezeigt. Dabei wird die Fragestellung unter Rückgriff auf Max Webers Theorie der legitimen Herrschaft präzisiert. Darauf aufbauend wird der Wandel nach der NS-Diktatur als Phase der Liminalität nach Victor Turner dargestellt. Im zweiten Teil werden diese theoretischen Einblicke auf die Entwicklung der deutschen Justiz angewandt. Besonders die zweigliedrige Struktur der Justiz nach der NS-Diktatur, bei der amerikanische und deutsche Gerichte nebeneinander bestanden, wird in den Fokus gerückt werden.

    Prof. Dr. Uta Gerhardt ist emeritierte Professorin an der Universität Heidelberg. Ihr umfangreiches Werk beinhaltet Studien zur soziologischen Theorie (besonders Rollentheorie, Idealtypen, Parsons), zur Medizinsoziologie und in den letzten Jahren zur Geschichte der amerikanischen Besatzungszone. Sie lehrte an verschiedenen Universitäten in den USA und Deutschland.

    In Kooperation mit dem Fachschaftsrat Sozialwissenschaften (FSR SoWi).

    Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus: Florian Eisheuer über „Ethnologie im Nationalsozialismus“ | Dienstag 07.06.2016 | 18 Uhr c.t. | ZHG 103

    Vortrag: Florian Eisheuer über „Ethnologie im Nationalsozialismus“ | Dienstag 07.06.2016 | 18 Uhr c.t. | ZHG 103

    Bereits 1946, gerade mal ein Jahr nach dem militärischen Sieg der Alliierten über das nationalsozialistische Deutschland, wollte man in der Ethnologie schon nichts mehr von den Verstrickungen des Faches in die Politik des Nationalsozialismus wissen. Bei der ersten Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde (DGV) im postnazistischen Deutschland stellten die versammelten EthnologInnen sich selbst einen großzügigen Persilschein aus und behaupteten schlicht, man habe sich „aus der Sphäre des Nationalsozialismus“ herausgehalten. Äußerst zögerlich, erst rund 40 Jahre später, begann eine zunächst eher zurückhaltende Aufarbeitung dieses lange geleugneten Kapitels der Fachgeschichte. Zahlreiche Beispiele für Rassismus, Antisemitismus und völkische Ideologie konnten seitdem herausgearbeitet werden, ausgehend nicht etwa von Randfiguren der Ethnologie, sondern auch von ihren VordenkerInnen, die sich zumindest teilweise eine praktische Kooperation mit nationalsozialistischer Politik herbeisehnten. In dem Vortrag soll es um diese verschiedenen Formen der Kooperation gehen.

    Florian Eisheuer ist Doktorand am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin und arbeitet freiberuflich für die Amadeu Antonio Stiftung.

    In Kooperation mit dem Fachschaftsrat Sozialwissenschaften (FSR SoWi).

    Bericht Veranstaltung mit Alfons Söllner über „Die Faschismusanalysen der frühen Frankfurter Schule in Verhältnis zur sog. Totalitarismustheorie“ am 26.01.2015

    Hier findet ihr unseren Veranstaltungsbericht zu der Veranstaltung mit Alfons Söllner am 26.01.2015: Bericht

    Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus: Dienstag 23.06.2015 18.15 Uhr ZHG 002: Hansjörg Gutberger: „Sozialforschung und Raumordnungspolitik im NS-Staat“

    Aus der Veranstaltungsreihe „Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus“ Der Basisgruppe Sozialwissenschaften in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen e.V.

    Hansjörg Gutberger
    Dienstag 23.06.2015 | 18.15 Uhr | ZHG 002

    Sozialforschung und Raumordnungspolitik im NS-Staat

    Räumliche Entwicklungen können soziale Ungleichheiten und soziale (Des-) Integrationsprozesse mit (re-)produzieren. Raumbezogene Unterscheidungen, etwa zwischen Zentrum und Peripherie, werden darum in den Sozialwissenschaften wieder mehr beachtet. In der Fokussierung auf das Räumliche liegen aber auch Gefahren. Die Überbetonung allein der Raumdimension führte in der Vergangenheit meist direkt zu Ideologien agrarischer, ökologischer oder auch völkischer Art.

    Es gibt aber auch verschiedene Sachdimensionen des Räumlichen. So können etwa sehr einseitig verlaufende räumliche Entwicklungen langfristig wirkende gesellschaftliche Folgen nach sich ziehen: Wo als ‚integratives‘ Angebot ein Einkaufscenter, ein Fußballstadion oder ein Golfplatz steht, erübrigen sich andere mögliche Formen des gesellschaftlichen Miteinanders.
    Auch die einmal gewachsenen Siedlungsstrukturen lassen sich so schnell nicht wieder auflösen. Wachsende sozialräumliche Segregationen sind der Preis des heutigen Turbo-Kapitalismus.

    Was haben aber diese Facetten des Räumlichen mit einer Soziologie zu tun, die vor 80 Jahren betrieben wurde? Und das in einem nationalsozialistischen Regime, das jedenfalls vorgab ganz anders als alle anderen gesellschaftlichen Systeme zu sein?

    Nun, die jetzt neuerlich ins Blickfeld geratene empirische Sozialwissenschaft der NS-Jahre war nicht zuletzt Forschung für Raumordnungspolitik. Diese Sozialforschung wurde nicht nur außeruniversitär sondern auch an den Hochschulen betrieben. Häufig in einem eigens installierten und institutionalisierten Bereich („Hochschularbeitsgemeinschaften“) . Sie wurde finanziert von NS-Behörden wie der Reichsstelle für Raumordnung oder dem Reichsnährstand.
    Der NS-Staat forderte etwas von seinen Wissenschaftlern: ihre Mitwirkung an Forschungen, die der ‚Volksgemeinschaft‘ zugute kommen sollten. Vor 20 Jahren habe ich dies als Verklammerung von Wissenschaft und politisch-administrativer Praxis zu beschreiben versucht; heute spricht man in der Wissenschaftsforschung von der „rekursiven Kopplung von Wissenschaft und Politik“ (P. Weingart) und von dem Wechselverhältnis von Wissenschaft und Politik als „Ressourcen füreinander“ (M. Ash).

    Die Raumforschung/-ordnung war ein solcher Bereich. Er existierte auch nach 1945.
    Wenn von empirischer Soziologie im NS-Staat die Rede ist, dann ist damit meist soziologische Forschung in der Raumforschung gemeint. Diese Soziologie stand (wie auch die Forschung anderer Wissenschaftsdisziplinen) in einem relativ engen Wechselverhältnis zur Raumordnungspolitik des NS-Staates, sie bediente sich aber durchaus jener Form von Expertise, die an fachliche Standards anknüpfte. Nützliche Expertise und verwert­bare Ergebnisse standen auch nicht immer in Einklang mit ‚politisch korrekten‘ Normen der NSDAP. Durch die Trennung war beiden Seiten, der Politik wie der Wissenschaft, besser gedient.
    Raumordnungspolitik hatte im ‚Dritten Reich‘ sehr unterschiedliche Implikationen, darunter expansionistische, rassistische, völkische und gewaltförmige Seiten. Raumordnung betraf aber auch Fragen der ländlichen Modernisierung, der Verkehrsinfrastrukturplanung, des Wasserbaus, der Forstpolitik, der Verteilung verfügbarer Flächen für unterschiedliche Herrschaftsträger (und damit für unterschiedliche Zwecke der ‚System­integration‘), sie betraf auch Aspekte der konkreten Gestaltung der ‚Volksgemeinschaft‘ in der Region, der Ungleichheit und des Ausschlusses gesellschaftlich nicht wohl gelittener Personengruppen u.a.m.

    Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus: Dienstag 02.06.2015 18.15 Uhr ZHG 103: Maja Suderland: „Soziologie und Konzentrationslager“

    Aus der Veranstaltungsreihe „Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus“ Der Basisgruppe Sozialwissenschaften in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen e.V.

    Maja Suderland
    Dienstag 02.06.2015 | 18.15 Uhr | ZHG 103

    Soziologie und Konzentrationslager
    Über den Beitrag deutschsprachiger Soziolog_innen zur Analyse der nationalsozialistischen Zwangslager

    Bereits unmittelbar nach Ende des „Dritten Reiches“ gerieten die Konzentrationslager ins Zentrum der Aufmerksamkeit einer entsetzten Weltöffentlichkeit. Seither hat das Thema verschiedene Konjunkturen erlebt, aber insgesamt ist das Interesse keineswegs rückläufig. Auch in diesem Jahr, wo man die 70. Jahrestage der Befreiung der Konzentrationslager beging, erfuhren die NS-Zwangslager erneut große Beachtung in sämtlichen Medien.
    Man könnte nun annehmen, dass es insbesondere in Deutschland als dem Land der Täter auch in der Soziologie eine zentrale Auseinandersetzung mit diesem Thema gegeben hat und gibt. Zudem erscheint es für die „Wissenschaft von der Gesellschaft“ doch naheliegend, dass sie sich sowohl mit der NS-Gesellschaft befasst, die man ebenso gut als eine „Gesellschaft der Lager“ bezeichnen könnte, als auch mit den sozialen Verhältnissen und Prozessen innerhalb der NS-Zwangslager sowie mit dem gesellschaftlichen Umgang mit den ehemaligen KZ-Häftlingen nach ihrer Befreiung. Die deutsche und deutschsprachige Soziologie hat sich allerdings bislang nur sehr sporadisch mit Konzentrationslagern befasst und es gibt lediglich verstreut und vereinzelt soziologische Studien zum Thema. Darunter befinden sich sogar sehr frühe, schon während der NS-Zeit entstandene und wenig bekannte Arbeiten, aber auch spätere, heute weitgehend unbekannte, ebenso solche, die zwar stark rezipiert, aber nicht „als soziologisch“ gelesen werden.
    Wie also beteilig(t)en sich deutschsprachige Soziolog_innen an den Debatten über die Konzentrationslager? Und hat das Thema einen festen Platz in der soziologischen Lehre an den deutschen Universitäten?
    Der Vortrag will einen systematischen Überblick über den Beitrag deutschsprachiger Soziolog_innen zur wissenschaftlichen Analyse der mit den NS-Zwangslagern verbundenen Themen geben und den möglichen Erkenntnisgewinn einer „Soziologie der Konzentrationslager“ diskutieren. Dabei soll auch reflektiert werden, welche empirischen Methoden und theoretischen Konzepte zu deren Analyse geeignet erscheinen und inwiefern die Popularität bestimmter Methoden und Theorien möglicherweise dazu beiträgt, dass das Thema aus dem soziologischen Blick gerät.