DER UNI-BLUFF:
VON IMMANENTEN EXALTATIONEN UND BASALEN SELBSTREFERENZEN

Geschafft! Schließlich hast du den Raum mit der kryptischenBezeichnung VG 212 ganz alleine gefunden und sitzt in deinem ersten Seminar. „Ontologie und transversale Differenzierungen im Werk von XY“, so der Titel und du bist gespannt, was dich hier erwarten mag. Zunächst erläutert der*die Dozent*in die sogenannten Modulvorraussetzungen und du fragst dich, was genau eigentlich eine Flex-Now Anmeldung mit Stud-IT PIN und TAN sein soll. Dann hebt der*die Dozent*in zu seinem*ihrem Vortrag an. Alle zücken ihre Stifte und schreiben fleißig mit. Um dich nicht als Erstsemester*in zu outen, kramst auch du einen Stift und Papier hervor. Doch so sehr du dich auch anstrengst, du kannst bei den meisten Sätzen nur die schöne Konstruktion bewundern und stellst nach einigen Minuten fest, dass deine Mitschrift zu einer Ansammlung von unzusammenhängenden Halbsätzen geraten ist. Damit niemand merkt, dass du dem Vortrag nicht folgen kannst, entschließt du dich, lieber Kringel auf dein Blatt zu schreiben. Das ist genauso informativ, sieht aber besser aus. Du fragst dich, warum du allem Anschein nach die einzige Person bist, der es so geht. Vielleicht haben sich alle anderen besser vorbereitet oder etwa eine schnellere Auffassungsgabe..!? Der*Die Dozent*in beendet seinen*ihren Vortrag mit der Aufforderung das Thema zu diskutieren, falls es keine weiteren Fragen mehr gäbe. Du glaubst, die Frage, was genau mit Ontologie gemeint ist, hört sich erstmal nicht dumm an und meldest dich
mit klopfendem Herzen, als jemand hinter dir erklärt “Das man den Gedanken der Persistenz wohl eher als Phänomenologisch und nicht dem Poststrukturalismus im Sinne von soundso betrachten müsse”. Die Frage dieses Studierenden war dann wohl auch sehr intelligent, denn der*die Dozent*in nickt ihm beifällig strahlend zu. Nach ein paar weiteren Wortbeiträgen hast du den Eindruck, hier irgendwie falsch zu sein, da alle zu wissen scheinen, worum es geht. Außer dir. Du lernst eine Menge interessant klingender Buchtitel und bist beeindruckt, wie viele Philosoph*innen und Soziolog*innen alle anderen schon gelesen haben, und bekommst einen riesigen Respekt. Etwas niedergeschlagen gehst du nach der Veranstaltung erst mal in die Mensa. Dort bekommst du das Basisgruppen Ersti-Info-Heft in die Hand gedrückt und findest einen Artikel über den sogenannten Uni-Bluff.

WAS IST DER UNIBLUFF?

Jede*r Studi wird ihm im Laufe seiner ersten Veranstaltungen begegnen: Wissen und Verstehen wird vorgetäuscht, sei es durch, mit Fremdwörtern oder Buchtiteln gespickte, ellenlange Wortbeiträge (aktives Bluffen) oder eifriges Mitschreiben, ob sinnvoll oder nicht (passives Bluffen). Auf diese Weise entsteht ein Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit – und zwar nicht nur bei einigen wenigen, sondern bei vielen. Uni-Bluff ist nicht allein durch den punktuellen Leistungsdruck durch Dozent*innen und auch nicht mit dem individuellen Umgang damit, insbesondere in der Anonymität einer Uni, zu erklären.

WARUM IST DER UNIBLUFF?

Immer weiter, immer besser, immer schneller sind Schlagwörter im Wettbewerb und das gilt in der Uni und in der Gesellschaft. Als Teil dieser Gesellschaft heißt das in der Hochschule eben immer schlauer. Da dieser Anspruch oft die Grenze des Möglichen überschreitet, sehen sich eben viele Studis gezwungen, zu bluffen, also Wissen vorzutäuschen. Nach oben kommt, wer am besten blufft. Das ist mehr als ein harmloser Umgang mit der eigenen Unsicherheit. Wer blufft, hinterfragt nicht, benutzt vorgetäuschtes Wissen, um andere auszustechen. Wer blufft, setzt den Anschein von Wissen über das Wissen und Lernen, vor allem vor die notwendige kritische Auseinandersetzung damit. Bluffer sind diejenigen, die sich widerspruchslos in das herrschende System des Konkurrenzkampfes einfügen, die nach oben wollen, koste es, was es wolle. Der Rest wurschtelt isoliert vor sich hin, zieht sich in den Schmollwinkel zurück, und stützt auf diese Weise passiv das Bluff-System. Unzulänglichkeiten und Unsicherheiten werden individualisiert, die Gründe dafür nur bei sich selber, nicht aber in den Rahmenbedingungen des Systems gesucht. Aber wenn viele aus dem Rahmen fallen, ist vielleicht auch einfach der Rahmen zu eng.

GESCHLECHTERTROUBLE

In unserer, wie in den meisten anderen Gesellschaften auch, rangiert die Kategorie Geschlecht nach wie vor als Platzanweiser. Das Phänomen Uni-Bluff betrifft Männer und Frauen deshalb auch keineswegs in derselben Weise. Männer sind anders sozialisiert als Frauen, sie erlernen sehr früh ein spezifisches Selbstbewusstsein und ein Redeverhalten, die es ihnen leichter machen, zu bluffen. Es fällt ihnen leichter, Wissen und Stärke vorzutäuschen oder ohne abgesicherte Wissensgrundlage andere zuzutexten. Auf der anderen Seite werden Frauen mit spezifischen Rollenerwartungen konfrontiert, die ihnen enge Grenzen stecken und Verhalten unmöglich machen, das bei Männern akzeptiert oder sogar protegiert wird. Eine Frau, die fünf Minuten lang rhetorisch brillant mit vielen Fremdwörtern im Seminar redet (und sei es nur Bluff), passt nicht ins Bild, verlässt den ihr zugestandenen Raum und wird – statistisch nachgewiesen – wesentlich häufiger unterbrochen als ihre männlichen Kommilitonen. Es ist für Frauen wesentlich risikoreicher, sich ohne abgesichertes Wissen in den Vordergrund zu spielen, da sie immer wieder und immer noch dem Vorurteil ausgesetzt sind, sie könnten nicht logisch denken und seien unwissenschaftlicher – weil emotionaler – als Männer. Wortbeiträge von Frauen werden in der Regel wesentlich kritischer aufgenommen. Der Bluff steht also nicht allen in gleicher Weise offen. Er dient vor allem männlichen Studierenden zur Profilierung und fördert und verstärkt so die patriarchalen Strukturen an der Uni.

WAS TUN?

Bluffe selber nicht! Laß dich nicht beeindrucken von aufgeblasenen Worthülsen! Fremdwörter machen keine besseren Argumente! Sag, was du weißt, und zwar so, dass auch andere dich verstehen können. Frag nach! Wenn du etwas nicht verstanden hast – frag nach! Mit gutem Grund kannst du annehmen, dass es anderen genauso geht. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, zu glauben, dass ein Sachverhalt wissenschaftlicher oder richtiger dadurch wird, dass er kompliziert formuliert ist. Es ist vielmehr eine Qualität, wenn der oder die Vortragende die Dinge so erklärt, dass alle sie verstehen können. Natürlich kann es sein, dass der oder die eine etwas mehr Fachwissen hat als du – doch was soll es ? Du bist hier um zu lernen! Es kann nicht der Sinn eines Seminars sein, dass du zu Hause im stillen Kämmerlein über Fragen brütest, die du die Dozentin oder den Dozenten hättest fragen können. Denn: Alle Fragen sind erlaubt. Nicht nur die superspezifischen Fragen, für die mensch alles verstanden haben muss um sie überhaupt stellen zu können. Auch Fragen wie “Was meinst du eigentlich damit?” sind notwendig und völlig in Ordnung. Das Private ist
politisch! Deine Unsicherheiten sind nicht deine persönliche Schwäche oder dein individuelles Problem. Mit dem Uni-Bluff ist das so eine Sache: Fast alle wissen, dass es ihn gibt, aber auch fast alle glauben, dass es in ihrem ganz spezifischen Fall doch eher an ihnen selbst liegt… Rede mit anderen darüber und du wirst feststellen, dass es ziemlich vielen so geht. Nicht ihr seid falsch, sondern an unserem Ellenbogensystem Uni läuft etwas falsch. Schließt euch zusammen, diskutiert darüber und vor allem: enttarnt den Bluff!