Die Falle

DER WEG ZU EINEM SELBSTBESTIMMTEN STUDIUM
Je mehr mensch für den Studienbeginn liest oder hört, desto eher wird sich bei dem einen oder der anderen wohl der Eindruck einstellen, alles sei furchtbar kompliziert. Ist es natürlich nicht, allerdings gibt es dennoch einige Fallen, die mitunter bewusst aufgestellt werden. Wir haben einmal einige Studies im zweiten Semester befragt, welchen Fallen sie im ersten Semester begegnet sind.

VORWEG EIN PAAR GENERELLE TIPPS

Zu Beginn des Semesters steht die Frage, welches Seminar nun sinnvollerweise besucht werden sollte. Von Seiten der bgs wird hier generell der Tipp gegeben, sich bereits früh im Studium mit den Schriften und Theorien der sog. Klassiker auseinanderzusetzen. Sie werden Euch immer wieder in den verschiedensten Auszügen begegnen und bei jedweder Arbeit Euren Horizont erweitern. Die allermeisten Einführungsveranstaltungen sind aber auch darauf ausgerichtet, so dass Ihr Euch kaum Sorgen darüber machen müsst. Seminare, bei denen in jeder Woche eine neue Theorie bzw. ein_e neue_r Autor_in besprochen wird, können aber durchaus problematisch sein. Da hapert es meist an Möglichkeiten, das Gelesene ausreichend zu diskutieren und zu erfassen.

Aber wie nun im ersten Semester vorgehen? Am Anfang sollte Interesse und Neugier stehen. Lasst Euch nicht von irgendwelchen Prüfungsordnungsparagraphen leiten, sondern studiert wenigstens im ersten Semester wild drauflos. Ihr solltet Euch außerdem die Freiheit nehmen, über den Fachbereich hinaus zu schauen. Manche_r ist erst durch den Einblick in andere Fächer darauf gekommen, dass Biologie, Germanistik oder gar Jura ihre_seine wahre Leidenschaft ist. Nehmt also mal das große Vorlesungsverzeichnis zur Hand, um Interdisziplinarität zu erproben und verspätete Fachwechsel zu vermeiden.

WIE WEITER AM SOWI-FACHBEREICH?

Am Anfang steht die gründliche Durchsicht des kommentierten Vorlesungsverzeichnisses des Sowi- Fachbereiches. Am besten erst einmal alle Veranstaltungen die einigermaßen interessant erscheinen herausschreiben. Dummerweise überschneiden sich meist immer die interessantesten Veranstaltungen, jedenfalls scheint einem das immer so. Nun geht es an die Auswahl. Üblicherweise werden die Dozent_innen in der ersten Seminarstunde einen Überblick über das gesamte Semester liefern. Deshalb ist es ratsam, in der ersten ggf. auch in der zweiten Semesterwoche möglichst viele Veranstaltungen zu besuchen, um erst danach eine endgültige Auswahl zu treffen. Mensch sollte ehrlich mit sich selber sein und sich nicht mit (zu vielen) Seminaren belasten, die in aller Hergottsfrühe stattfinden. Stell Dir die Frage, ob Du tatsächlich die Disziplin aufbringst, trotz der vielen Erstsemesterfeten, Elternbesuche oder anderer Aktivitäten früh morgens regelmäßig fit und motiviert zu sein. Schließlich gibt es an der Uni keine schulischen Anwesenheitskontrollen!

Noch ein Tipp zur Seminarauswahl: Legt einen Schwerpunkt auf Eure Einschätzung der Dozent_in. Fragt Kommiliton_innen und Freunde, wie diese_r oder jene_r wohl so sei, was sie für einen persönlichen Eindruck von ihm_ihr haben. Denkt nicht, alle inhaltlichen Motiven vorgehen, eher das Gegenteil ist der Fall. Und was nutzt Euch die tollste Literaturliste, wenn der_die Dozent_in nichts rüberbringen kann.

DIE „HINAUSGEBETEN-FALLE“

Hat mensch eine Veranstaltung für sich als vielversprechend identifiziert, sollte mensch sich von deren Besuch nicht abhalten lassen. Am Anfang des Semesters, insbesondere in den ersten Wochen, werden in einigen Veranstaltungen übermäßig viele Leute sitzen. Kein Grund, sich bange machen zu lassen, denn der Teilnehmer_innenkreis wird schnell schrumpfen. Bleibt hartnäckig besonders bei Dozent_innen, die ihr als sympathisch empfindet! So manche_r Dozent_in greift dabei auch zu rüden Methoden [aufgeblasene Literaturlise, hohe Prüfungsanforderungen (klingt oftmals schlimmer, als es dann nachher ist), „Vorwissen sinnvoll“, Kennzeichnung als „Fortsetzungs-seminar“ etc.], um mit einem gewissen Säbelrasseln gerade die Erstsemester_innen wieder hinauszuwerfen. Diese durchsichtigen Versuche sollte mensch, genau wie das fadenscheinige Argument, eine (Grundstudiums-)Veranstaltung sei für Erstsemester_innen nicht geeignet, einfach ignorieren. Die Uni ist u.a. ein Ort des Lernens und des Lehrens. Lernen sollte für alle ohne Restriktion möglich sein, und Lehrende sind eben gerade nicht dafür da, nur den ihnen passenden Fortgeschrittenen etwas beizubringen. Im Zweifelsfall kann mensch auch einfach keine Prüfung in einem Seminar ablegen, oder einfach mal mit dem_der Dozent_in diskutieren was geht. Also, lasst Euch nicht in die „Hinausgebeten-Falle“ locken, auch wenn sie oftmals gerade für Erstsemester_innen aufgestellt wird.

DIE „UNNAHBARKEITS-FALLE“

Diese Falle wird meist mit der obigen kombiniert angewendet. Die Dozent_innen erscheinen als übermäßig beschäftigt, reden in Fremdwörtern und reagieren genervt auf Fragen. Auch hier gilt: Keine Panik. Die einfachste und wirkungsvollste Methode, beiden skizzierten Fallen aus dem Weg zu gehen, ist die direkte Ansprache. Ihr werdet feststellen, dass sich die aufgebauten Hürden schnell verkleinern, wenn Ihr Euch mit Euren Problemen und Wünschen direkt an die Dozent_innen wendet. Auch wenn sie oftmals Gegenteiliges suggerieren, wissen die Dozent_innen doch, dass es ihre Aufgabe ist, Eure Kritik anzuhören, Eure Fragen zu beantworten und Euch bei Problemen zu beraten. Nutzt diese Möglichkeit! Sie bringt nicht nur Euch und das Seminar voran, sondern ist als Feedback von den Dozent_innen oftmals erwünscht. Und überlegt Euch, ob es Euch wirklich nutzt, in Gesprächen mit Dozent_innen bzw. in der Seminardiskussion mehr Durchblick zu heucheln, als Ihr eigentlich habt. Das nutzt Euch nichts und muss den Dozent_innen als Aufforderung zum schnelleren Vorgehen erscheinen.

Die „Euphorie-Falle“

Und noch etwas sollet Ihr zu Beginn des Semesters beachten: Nehmt Euch nicht zu viel vor. Es ist viel befriedigender und führt auch zu einem besseren Lernergebnis, in wenigen Veranstaltungen gut vorbereitet mitzuarbeiten, als in vielen nur dabei-zusitzen. Wenn Ihr gerade zu Hause ausgezogen seid, solltet Ihr auch im Hinterkopf behalten, dass der eigene Haushalt, die neue WG oder Politgruppe auch Zeit kostet und neue Sozialkontakte gerade im ersten Konkret: Sagt nicht spontan oder unüberlegt irgendwelchen Arbeitsgruppen oder Arbeiten zu, die Ihr nach einer genaueren Auswahl vielleicht nicht mehr machen wollt. Guckt euch die Leute an und entscheidet nach Sympathiegesichtspunkten! Das übliche Verfahren ist, erst einmal alle interessanten Seminare zu sichten und sich erst in der zweiten ggf. in der dritten Woche auf bestimmte Arbeitsgruppen, Referate o.ä. festzulegen. Als Erstsemester besitzt ihr auch noch `ne gewisse Anfänger_innenfreiheit zu sagen, dass ihr euch in der einen Gruppe geirrt habt und doch lieber woanders hingeht. Dabei sollet Ihr darauf achten, dass Eure verschiedenen Referate u.ä. in den verschiedenen Seminaren terminlich nicht zu dicht beieinander liegen. Ebenso sollet Ihr Euch nicht überschätzen, wenn es darum geht, schriftliche (Haus-)Arbeiten zu erstellen. Sie sind am zeitaufwendigsten, weshalb mensch sich auch maximal zwei solcher Arbeiten für die vorlesungsfreie Zeit vornehmen sollte. Und denkt daran, dass Ihr Euch die Freiheit nehmen solltet, auch mitten im Semester Seminare zu schmeißen, sofern Ihr entbehrlich für Eure Referatsgruppe seid.

DER „UNI-BLUFF“

Vielleicht könnt Ihr nun einige Fallen umgehen und gelöst Eure Studien aufnehmen. Allerdings werdet Ihr
vermutlich alsbald feststellen, dass in den ausgesuchten Seminaren die meisten alles besser wissen und mensch selbst gar nichts. Auch der Ruf „ältere Semester raus!“ nützt hier nichts, denn „die Schlauen“ sind eher die gleichaltrigen Lehrers- und Professor_innenkinder. Gegenüber dem eigenen Verständnis scheine alle anderen schon drei Schritte voraus, weshalb mensch dazu neigt, selbst zu schweigen und sich unauffällig hinter Notizbüchern oder auffällig dem Rucksack auf dem Tisch zu verschanzen. Aber auch hier gilt: Keine Panik! In der Regel habt Ihr es nämlich mit dem berüchtigten Uni- Bluff zu tun. Dieser ist so wichtig, dass in dieser Publikation noch ein extra Artikel über ihn drin ist.

LIES DIE ALTERNATIVEN UND STUDENTISCHEN MEDIEN

An der Uni fliegen haufenweise Publikationen rum. Das können Flugblätter und Schriften von politischen Gremien (AStA, Fachschaftsrat) und studentischen Gruppen sein oder auch die Göttinger Drucksache, eine alternatives wöchentliches Stadtinfo, oder schau dir die aktuellen Artikel auf Monsters of Göttingen an. Diese kostenlosen Informationen solltest Du Dir nicht entgehen lassen, denn was in den bürgerlichen Medien „der Schere im Kopf“ zum Opfer fällt, findest Du in diesen genannten Publikationen. Also falls Du der Mühle „sleep-eat-study“ entgehen willst, besorge Dir diese alternativen Medien und lese sie auch!

DER BÜCHERKAUF

Es gibt bin Göttingen so viele Buchläden, also wo am besten einkehren? Trotz einiger guten Buchläden können wir von den bgs nur einen empfehlen: Buchladen Rote Straße im Nikolaikirchof 7! Dort gibt es viele Bücher, Zeitungen und Zeitschriften aus dem alternativen Spektrum. Und was sie gerade nicht im Laden haben, können sie schnell bestellen. (das müssen die anderen Buchläden meistens auch). Also einmal weil es der beste Buchladen in Göttingen ist, und auch aus Solidarität mit einem linken Buchladen, der schon oft der Repression der Staatsmacht ausgesetzt war, solltet Ihr alle Eure Bücher dort kaufen oder bestellen!

DIE TREFFPUNKTE

Zum Schluss sei Euch noch ein Tipp gegeben, die Pausen im Studium nicht allesamt in den Cafeten in der SUB bzw. in der Zentralmensa zu verbringen. Die Cafete im Theologicum ist viel netter, zumal mensch dort im Hof sitzen kann und sich dortabgesehen von der mittäglichen Juristen-Invasion- ein eher alternatives Publikum trifft. Außerdem
sollet Ihr das selbstverwaltete Autonomicum im Blauen Turm nutzen, um nicht ständig der universitären Raumstruktur (übersichtlich, eckig, funktional, abwaschbar) ausgesetzt zu sein.

WIDER DEM FRUST

Am liebsten möchte mensch sein Leben ja gemäß den eigenen Wünschen verleben. Blöd nur, dass einem die gesellschaftlichen Strukturen (Kapitalismus, Rassismus, Patriarchat, etc.) da einen Strich durch die Rechnung machen. Es gibt zwei Möglichkeiten damit umzugehen. Entweder die eigenen Wünsche werden solange eingekocht, bis sie auf den gesellschaftlichen HERRschaftsstrukturen kompatibel sind, oder mensch versucht diese Strukturen für sich zu hinterfragen und gemäß den eigenen Wünschen zu verändern. Sowie-Studierende sind in der einzigartigen Lage, genau diesen Prozess quasi beruflich zu betreiben. Nur wird mensch keine Veränderung bekommen, wenn zwar alle privat ihren Marx lesen, aber keine_r versucht, in gesellschaftlichen Strukturen, die viele Menschen umfassen, zu agieren. Deshalb seid Ihr alle aufgerufen, Euch der Basisgruppe oder anderen linken politischen Gruppen anzuschließen.